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Nervenschmerzen

Gemäß neueren Untersuchungen lassen sich mindestens 40% aller Schmerzsyndrome auf Nervenschmerzen – sogenannte neuropathische Schmerzsyndrome – zurückführen. Darunter versteht man Schmerzen, die durch eine direkte Schädigung von Nervenstrukturen entstehen.

Prinzipiell wird die Empfindung von Schmerz unabhängig von der Ursache erst über die Vermittlung durch Nervenfasern möglich. Man unterscheidet zunächst das zentrale Nervensystem (ZNS) – bestehend aus Gehirn und Rückenmark – sowie die peripheren Nerven (Bahnen außerhalb des ZNS). Des Weiteren existieren die sympathischen Nervenfasern, deren Steuerung zunächst nicht unserem Willen unterliegt und die daher auch als unwillkürliches Nervensystem bezeichnet werden.

Wie nimmt der Körper Schmerzreize wahr?

Am Beispiel eines schmerzhaften Hitzereizes verfolgen wir einmal den Weg von der Haut zum Bewusstsein. Ab einer bestimmten Temperatur unserer Haut werden schmerzsensible Nervenendigungen (Nozizeptoren) gereizt und leiten über elektrische Impulse entlang der peripheren Nerven diese Meldung zunächst bis zum Rückenmark.

Dort wird das eingehende Signal verschaltet und weiter zum Gehirn fortgeleitet; über verschiedene Ebenen gelangt es schließlich zu einer speziellen tiefen Hirnregion, dem Thalamus, der auch „das Tor zum Bewusstsein“ genannt wird. Erst in diesem Moment empfindet die betroffene Person Schmerz. Zur Vereinfachung kann man das Nervensystem als eine Ansammlung von Kabeln mit verschiedenen Schaltstellen und einer komplizierten Zentrale betrachten.

Störungen im Nervensystem

Störungen können im Prinzip an jeder Stelle dieses Systems auftreten. Das geschädigte Nervengewebe weist entzündliche Veränderungen auf und neigt zu Schwellungen. Dies kann in der Folge zu plötzlichen Entladungen von elektrischen Impulsen führen, die dann als einschießende Schmerzen vom Patienten wahrgenommen werden. Man spricht dann von neuropathischen Schmerzen.

Später können sich diese Schmerzen auch weiter nach zentral fortsetzen. Das bedeutet, das Schmerzsyndrom wird wesentlich komplexer und ist damit auch schwieriger zu behandeln. Entscheidendes Kriterium eines Nervenschmerzes ist bei anhaltender Dauer eine veränderte Wahrnehmung des Schmerzes.

Zunächst ändern sich als Folge der Schädigung die Nervenfasern (Neurone) in ihren morphologischen und physiologischen Eigenschaften, so dass letztendlich eine deutlich gesteigerte Erregbarkeit resultiert: Die Schmerzschwelle sinkt und auch nicht schmerzhafte Reize – teilweise selbst harmlose Berührungen der Haut – führen zu deutlicher Schmerzwahrnehmung des Betroffenen.

Diese plastischen Veränderungen können mit der Zeit irreversibel werden, das heißt trotz Gewebeheilung besteht bei dem Patienten weiterhin eine Schmerzempfindung. Erst in den letzten Jahren konnten diese komplexen Abläufe auf Zellebene wissenschaftlich nachgewiesen werden. Was selbst Experten verblüffte: Diese komplizierten Mechanismen vollziehen sich bereits in den ersten Wochen nach dem erstmaligen Auftreten der Schmerzsymptomatik.

Dies unterstreicht die besondere Notwendigkeit einer schnellen Behandlung des Patienten durch einen Schmerztherapeuten. Innerhalb der speziellen Schmerzanamnese kommt der Schmerzqualität und –lokalisation besondere Bedeutung zu.

Beim bereits neuropathischen Schmerz werden häufig brennende Dauerschmerzen beschrieben. Die ebenfalls spontan (ohne äußeren Reiz) auftretenden, einschießenden stechenden Schmerzattacken (neuralgiforme Schmerzen) sind typisch für einige neuropathische Schmerzsyndrom (z.B. Trigeminusneuralgie, eine Form des Gesichtsschmerzes).

Bei der sogenannten Polyneuropathie, bei der mehrere Nerven des peripheren Nervensystems betroffen sind, können sich die Schmerzen allein als Druck- oder Engegefühl tief in den Extremitäten äußern. Kribbelmissempfindungen zählen zu den typischen spontanen Wahrnehmungen bei Polyneuropathie. Einige Patienten beschreiben Juckreiz oder Muskelkrämpfe.

Einen weiteren Schmerztyp stellen sogenannte evozierte Schmerzen dar. Hierbei wird durch einen primär nicht schmerzhaften Reiz entweder in der stimulierten Region (Hyperalgesie) oder sogar an einer nicht betroffenen Körperstelle (Allodynie) ein intensiver Schmerz ausgelöst.

Spontanschmerzen und evozierte Schmerzen werden durch die Überaktivität des sympathischen Nervensystems (Anteil des unwillkürlichen Nervensystems) erzeugt und aufrechterhalten.

Schmerzgedächtnis

Durch schmerzhafte Reizungen wird das Zentrale Nervensystem sensibilisiert, was zu einem Zustand gesteigerter Erregbarkeit führt. Aufgrund dessen ist eine geänderte Wahrnehmung schmerzhafter und nicht schmerzhafter Reize auch möglich, wenn der ursprüngliche schmerzauslösende Reiz nicht mehr einwirkt.

Im Verlauf dieser zentralen Sensitivierung entsteht eine so weitreichende Umstrukturierung des ZNS, dass sich eine Eigenständigkeit zentraler Erregungskreisläufe mit Bildung eines Schmerzgedächtnisses und einer weitgehenden Abkopplung von ursprünglich auslösenden Reizbedingungen entwickelt. Auf diese Weise entsteht ein regelrechter „Teufelskreis des Schmerzes“.

Damit können die Folgen der Entwicklung eines Schmerzgedächtnisses für den Organismus unter Umständen belastender sein als die zur Gedächtnisbildung führenden akuten Schmerzen.

Die Vorgänge finden auf Ebene der Zellgenetik statt und führen zu Änderungen der molekularen Ausstattung einer Zelle. In der Begrifflichkeit des „Schmerzgedächtnisses“ könnte von einem Übergang vom „Kurzzeitgedächtnis“ zum „Langzeitgedächtnis“ gesprochen werden.

Diese entscheidende therapeutische Konsequenz aus diesen Erkenntnissen sollte daher sein, zu jedem Zeitpunkt das Auftreten von Schmerzen – solange diese nicht banal sind – eine für den Patienten zufriedenstellende Schmerzlinderung zu erreichen, um die Signalkaskade des Nervensystems zu unterbrechen.

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